Mystik

Die Tetraktys in Mystik, Hermetik und Religion

Warum eine Seite, die der Tetraktys eine wissenschaftliche Grundlage geben will, sich mit Mystik beschäftigt, und was die vier Elemente damit zu tun haben.

Warum sich mit Mystik beschäftigen, wenn es doch um die wissenschaftliche Grundlage der Tetraktys geht? Weil die Zeugnisse aus Religion, Mystik und Okkultismus einiges zur Aufklärung beitragen können, wenn man sie mit zwei Fragen liest: Was wussten die Alten? Und: Welche dieser alten Bilder decken sich mit dem, was sich geometrisch und rechnerisch zeigen lässt? Solche Parallelen gibt es nicht zu knapp.

Kreis und Kugel

Die Tetraktys ist nach dieser Sicht nur aus der Geometrie von Kreis und Kugel heraus zu verstehen. Der Kreis hat in allen Kulturen eine mystische Bedeutung. Er steht für Ganzheit, mit einem Punkt in der Mitte für die Schöpfung und die Sonne. Seine Symmetrien um den Mittelpunkt, dargestellt durch regelmäßige Vielecke und Sternpolygone, sind im christlichen Abendland, im Rosenkreuzertum, in der Freimaurerei und in der Kabbala ebenso zu Hause wie in östlichen Einweihungswegen.

Mittelalterliche Buchmalerei: Gott vermisst mit einem Zirkel eine Kugel, in der Wasser, Erde und Himmel noch ungeordnet sind
Gott als Architekt der Welt, Bible moralisée, um 1220–1230. Die Welt entsteht aus dem Chaos mit einem Zirkelschlag.

Die Kugel ist die vollkommene Symmetrie: Jeder Punkt der Oberfläche hat einen Gegenpunkt, sie sieht von allen Seiten gleich aus. Keine andere Form umschließt so viel Raum mit so wenig Hülle, deshalb schützt sie ihr Inneres am besten. Licht und alle anderen Kräfte breiten sich von einem Zentrum kugelförmig aus. Planeten und Sonnen sind Kugeln, und das Gleichgewicht von Kräften ist Symmetrie. Symmetrie ist auch das umfassende Thema der Teilchenphysik, mit Differentialgeometrie und Lie-Gruppen. Auch die Hermetik kreist um die Balance: Oben und unten entsprechen einander, die vier Elemente halten sich die Waage, Gegensätze bedingen sich. Im Lebensbaum der Kabbala steht dafür die mittlere Säule.

William Blake: Eine bärtige Gestalt beugt sich aus einer leuchtenden Scheibe und hält einen Zirkel nach unten
William Blake, The Ancient of Days, 1794. Der Schöpfer mit dem Zirkel.

Die vier Elemente

Nimmt man das Wort Tetraktys, Vierheit, beim Wort, stößt man auf eine der wichtigsten Lehren der Hermetik, die Vier-Elemente-Lehre: Feuer, Luft, Wasser und Erde. Was mit ihnen wirklich gemeint ist, dafür gibt es viele Deutungen. Die bekannteste ordnet ihnen die vier Temperamente des Menschen zu, den „Mikrokosmos“:

Element Temperament Grundhaltung
Feuer Choleriker wollen
Luft Sanguiniker denken
Wasser Melancholiker fühlen
Erde Phlegmatiker sein

Nach dem hermetischen Grundsatz der Entsprechung müssten dieselben Kräfte auch im „Makrokosmos“ wirken. Man kann sie als die vier großen Konstanten lesen, ohne die menschliches Dasein undenkbar wäre:

Element Grundgröße biblische Gestalt
Feuer Energie Löwe
Luft Zeit Adler
Wasser Raum Mensch
Erde Materie Stier

In der Physik gibt es vier Grundkräfte: starke und schwache Wechselwirkung, Elektromagnetismus und Gravitation. Sie in einer einheitlichen Theorie zu beschreiben, ist das größte ungelöste Problem der Physik. Die Hermetik kennt ebenfalls vier Grundkräfte.

Die vier Gestalten

Die vier Elemente erscheinen in der Bibel als die vier geflügelten Gestalten Löwe, Stier, Mensch und Adler, die den Thron Gottes tragen: in der Vision des Ezechiel und in der Offenbarung des Johannes. Später wurden sie zu den Symbolen der vier Evangelisten.

Raffael: Gott thront in den Wolken, getragen von einem Engel, einem Adler, einem Löwen und einem Stier
Raffael, Die Vision des Ezechiel, um 1518. Gott thront auf den vier Gestalten Mensch, Adler, Löwe und Stier.

Die Bedeutung dieser vier Gestalten reicht weit über die Bibel hinaus. Die Tarotkarte Die Welt zeigt sie in ihren vier Ecken. Der vierteilige Aufbau des Tarot, und damit auch der vier Farben der Spielkarten, geht nach dieser Deutung auf denselben Ursprung zurück. Ist die Bibel also wissenschaftlicher, als man vermutet?

Die Figuren

Dreieck, Quadrat, Pentagramm und Hexagramm haben in allen hermetischen Lehren einen hohen Symbolwert. Genau sie sind es, die zum Verständnis der Tetraktys unverzichtbar sind:

Polygon3die Zahl selbst, ohne Teiler
Polygon mehrfach6 : 2 = 3n ist durch k teilbar
Sternpolygon5 : 2 = 2,5n und k sind teilerfremd
Sternpolygon mehrfach10 : 4 = 2,5n ist nicht durch k teilbar, hat aber einen gemeinsamen Teiler > 1

Die vier Startfiguren der Tetraktys.

Beispiele aus dem Alltag: das Auge Gottes im Dreieck an Kirchen als Zeichen der Dreifaltigkeit, der Davidstern oder das Hexagramm über Synagogen als Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen, das Pentagramm als Schutzamulett, das seit Jahrhunderten den Menschen als „Gott in der Materie“ darstellt.

Wie aus einem Kreis mit einem Punkt in der Mitte eine reiche Ordnung entsteht, zeigt der Simplex. Die ersten Figuren, die dabei entstehen, sind Dreieck, Quadrat, Pentagramm und Hexagramm:

Aus dem Kreis mit seinem Mittelpunkt entstehen mit wachsender Punktzahl Dreieck, Quadrat, Pentagramm und Hexagramm.

Über den Aufbau solcher Figuren wurde in früheren Jahrhunderten mehrfach nachgedacht. Der katalanische Philosoph Raimundus Lullus (um 1232–1316) entwickelte in seiner Ars magna, der „großen Kunst“, ein System, das durch mechanisches Kombinieren von Begriffen auf Kreisscheiben zu Erkenntnis führen sollte. Leibniz, der Begründer der mathematischen Logik, griff diese Gedanken auf. Lullus’ Kreise ähneln verblüffend den Simplexen.

Die folgenden Seiten gehen der Frage nach, was die Alten wirklich wussten.