Die Tetraktys in Mystik, Hermetik und Religion
Warum eine Seite, die der Tetraktys eine wissenschaftliche Grundlage geben will, sich mit Mystik beschäftigt, und was die vier Elemente damit zu tun haben.
Warum sich mit Mystik beschäftigen, wenn es doch um die wissenschaftliche Grundlage der Tetraktys geht? Weil die Zeugnisse aus Religion, Mystik und Okkultismus einiges zur Aufklärung beitragen können, wenn man sie mit zwei Fragen liest: Was wussten die Alten? Und: Welche dieser alten Bilder decken sich mit dem, was sich geometrisch und rechnerisch zeigen lässt? Solche Parallelen gibt es nicht zu knapp.
Kreis und Kugel
Die Tetraktys ist nach dieser Sicht nur aus der Geometrie von Kreis und Kugel heraus zu verstehen. Der Kreis hat in allen Kulturen eine mystische Bedeutung. Er steht für Ganzheit, mit einem Punkt in der Mitte für die Schöpfung und die Sonne. Seine Symmetrien um den Mittelpunkt, dargestellt durch regelmäßige Vielecke und Sternpolygone, sind im christlichen Abendland, im Rosenkreuzertum, in der Freimaurerei und in der Kabbala ebenso zu Hause wie in östlichen Einweihungswegen.

Die Kugel ist die vollkommene Symmetrie: Jeder Punkt der Oberfläche hat einen Gegenpunkt, sie sieht von allen Seiten gleich aus. Keine andere Form umschließt so viel Raum mit so wenig Hülle, deshalb schützt sie ihr Inneres am besten. Licht und alle anderen Kräfte breiten sich von einem Zentrum kugelförmig aus. Planeten und Sonnen sind Kugeln, und das Gleichgewicht von Kräften ist Symmetrie. Symmetrie ist auch das umfassende Thema der Teilchenphysik, mit Differentialgeometrie und Lie-Gruppen. Auch die Hermetik kreist um die Balance: Oben und unten entsprechen einander, die vier Elemente halten sich die Waage, Gegensätze bedingen sich. Im Lebensbaum der Kabbala steht dafür die mittlere Säule.

Die vier Elemente
Nimmt man das Wort Tetraktys, Vierheit, beim Wort, stößt man auf eine der wichtigsten Lehren der Hermetik, die Vier-Elemente-Lehre: Feuer, Luft, Wasser und Erde. Was mit ihnen wirklich gemeint ist, dafür gibt es viele Deutungen. Die bekannteste ordnet ihnen die vier Temperamente des Menschen zu, den „Mikrokosmos“:
| Element | Temperament | Grundhaltung |
|---|---|---|
| Feuer | Choleriker | wollen |
| Luft | Sanguiniker | denken |
| Wasser | Melancholiker | fühlen |
| Erde | Phlegmatiker | sein |
Nach dem hermetischen Grundsatz der Entsprechung müssten dieselben Kräfte auch im „Makrokosmos“ wirken. Man kann sie als die vier großen Konstanten lesen, ohne die menschliches Dasein undenkbar wäre:
| Element | Grundgröße | biblische Gestalt |
|---|---|---|
| Feuer | Energie | Löwe |
| Luft | Zeit | Adler |
| Wasser | Raum | Mensch |
| Erde | Materie | Stier |
In der Physik gibt es vier Grundkräfte: starke und schwache Wechselwirkung, Elektromagnetismus und Gravitation. Sie in einer einheitlichen Theorie zu beschreiben, ist das größte ungelöste Problem der Physik. Die Hermetik kennt ebenfalls vier Grundkräfte.
Die vier Gestalten
Die vier Elemente erscheinen in der Bibel als die vier geflügelten Gestalten Löwe, Stier, Mensch und Adler, die den Thron Gottes tragen: in der Vision des Ezechiel und in der Offenbarung des Johannes. Später wurden sie zu den Symbolen der vier Evangelisten.

Die Bedeutung dieser vier Gestalten reicht weit über die Bibel hinaus. Die Tarotkarte Die Welt zeigt sie in ihren vier Ecken. Der vierteilige Aufbau des Tarot, und damit auch der vier Farben der Spielkarten, geht nach dieser Deutung auf denselben Ursprung zurück. Ist die Bibel also wissenschaftlicher, als man vermutet?
Die Figuren
Dreieck, Quadrat, Pentagramm und Hexagramm haben in allen hermetischen Lehren einen hohen Symbolwert. Genau sie sind es, die zum Verständnis der Tetraktys unverzichtbar sind:
Die vier Startfiguren der Tetraktys.
Beispiele aus dem Alltag: das Auge Gottes im Dreieck an Kirchen als Zeichen der Dreifaltigkeit, der Davidstern oder das Hexagramm über Synagogen als Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen, das Pentagramm als Schutzamulett, das seit Jahrhunderten den Menschen als „Gott in der Materie“ darstellt.
Wie aus einem Kreis mit einem Punkt in der Mitte eine reiche Ordnung entsteht, zeigt der Simplex. Die ersten Figuren, die dabei entstehen, sind Dreieck, Quadrat, Pentagramm und Hexagramm:
Aus dem Kreis mit seinem Mittelpunkt entstehen mit wachsender Punktzahl Dreieck, Quadrat, Pentagramm und Hexagramm.
Über den Aufbau solcher Figuren wurde in früheren Jahrhunderten mehrfach nachgedacht. Der katalanische Philosoph Raimundus Lullus (um 1232–1316) entwickelte in seiner Ars magna, der „großen Kunst“, ein System, das durch mechanisches Kombinieren von Begriffen auf Kreisscheiben zu Erkenntnis führen sollte. Leibniz, der Begründer der mathematischen Logik, griff diese Gedanken auf. Lullus’ Kreise ähneln verblüffend den Simplexen.
Die folgenden Seiten gehen der Frage nach, was die Alten wirklich wussten.