Mystik

Die geheimen Figuren der Rosenkreuzer

Ein „einfältig ABC-Büchlein“ von 1785 voller Kreise, Dreiecke und Sechssterne, und die These, dass sich die Vierheit darin geometrisch erklärt.

Rosenkreuzer nennt man die Mitglieder einer geheimen, mystischen Gesellschaft, deren Anfänge im 17. Jahrhundert liegen. Ihre Lehre verbindet alchemistische, hermetische und kabbalistische Elemente. Wer sich mit ihnen beschäftigt, stößt bald auf das Werk Geheime Figuren der Rosenkreuzer aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert, erschienen 1785 in Altona in drei Heften. Ein Teil trägt den Untertitel eines „einfältig ABC-Büchleins“ für junge Schüler in der Schule des Heiligen Geistes.

Handkolorierte Tafel: oben eine Sonne, darunter ein Sechsstern mit der Dreifaltigkeit, darunter Kreise mit Elementen und alchemistischen Symbolen
Figura divina theosophica aus den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer, Altona 1785. Unter der göttlichen Sonne steht ein Sechsstern aus einer „himmlischen“ und einer „irdischen“ Dreifaltigkeit.

Die vielen handkolorierten Zeichnungen und Diagramme erklären sich nicht von selbst. Die Texte dazu machen es eher schlimmer: Bibelverse, Allegorien in Versform und viele unverständliche Erklärungen. Man hat den Eindruck, der Autor wolle den Leser absichtlich verwirren. Oder er war selbst verwirrt. Dem steht gegenüber, dass sich Größen wie Isaac Newton intensiv mit rosenkreuzerischen Inhalten beschäftigt haben. Newton befasste sich mindestens so gründlich mit Alchemie und Kabbala wie mit Physik. Und schon der Titel „einfältig ABC-Büchlein“ deutet an, dass es Leute gab, die mehr konnten als das ABC.

Einige der wirklich symbolträchtigen Figuren gehören zu den geometrischen Grundlagen der Tetraktys. Vermutlich wurden diese starken Symbole bewusst mit viel verwirrendem Beiwerk umgeben: Wer das Geheimnis verstehen wollte, sollte es sich erarbeiten müssen.

Luther, Protestantismus und die Rose

Aufschlussreich ist das Wappen Martin Luthers, die Lutherrose mit einem Kreuz in einem Herzen in einer Rose, ein Hinweis auf eine Nähe Luthers zu rosenkreuzerischem Gedankengut. Das Rosenkreuzertum war in dieser Sicht das Gegenprogramm zur katholischen Kirche seiner Zeit: eine Rückbesinnung auf die gnostischen Wurzeln des Christentums, auf geistige Selbstbestimmung und die Vision eines neuen Menschen, gegen Dogmen und Ablasshandel. Auch die Freimaurerei sympathisierte damit. In dieser Deutung ist der Protestantismus aus esoterisch-kabbalistischen Wurzeln entstanden und später selbst wieder zur Dogmatik erstarrt.

Die vier Elemente

Ein Schwerpunkt der Hefte sind die vier Elemente. Eine Tafel zeigt sie als vier Gestalten, die einander an den Händen halten: Die Vierheit ist als Einheit zu verstehen. Die häufigen Hinweise auf die Kabbala unterstreichen den Zusammenhang, denn dort ergeben die vier Welten zusammen die zehn Sephirot (siehe Die Kabbala).

Gut und Böse an einem Stamm

Eine andere Tafel zeigt den Baum der Erkenntnis, von dem Adam und Eva die verbotene Frucht aßen. Drei Hände greifen nach der guten Frucht, drei nach der bösen, aber beide hängen am selben Stamm, und aus der Wolke greift die Hand Gottes nach diesem einen Baum. Die Wurzeln greifen in zwei Dreiecke, aufrecht und gestürzt. Oben vereinigen sie sich zu einem Sechsstern. Gut und Böse bedingen einander: Ohne Licht kein Schatten, ohne Dunkelheit sähe man den Schein der Kerze nicht. Dreieck und Hexagramm sind zwei der vier Startfiguren, und diese Allegorie entspricht genau dem Sechsertakt, in dem die Primzahlen um ihre Symmetrieachsen gespiegelt liegen.

Handkolorierte Tafel: eine Kette von Kreisen mit Engelschören, Planeten und Metallen, verbunden durch Dreiecke, oben und unten der Gottesname
Scala philosophorum cabalistica magia aus den Geheimen Figuren der Rosenkreuzer, 1785. Der Untertitel nennt die Geheimnisse der Vier-, Fünf- und Siebenzahl.

Figura Cabalistica: 1, 2, 3, 4

Eine Seite trägt die Überschrift Figura Cabalistica und spricht vom „rechten Grund von der Wunderzahl Gottes: 1. 2. 3. 4.“, darunter ein Kreis in vier Segmenten mit den Zahlen 1 bis 4. Gleich darunter folgt, ohne Erklärung, der Schwenk zur Dreifaltigkeit und zum Sechsstern: drei, die im Himmel zeugen, und drei auf Erden. Wo man eine Erklärung bräuchte, steht nur „O Arcana Arcanorum“, o Geheimnis der Geheimnisse.

Die Erklärung ist geometrisch:

  • Die Dreiheit ist in der Hermetik das rein geistige Schöpferprinzip. Die Vierheit ist ihre Verwirklichung in der Materie.
  • Ein Dreieck hat die Winkelsumme eines halben Kreises. Eine Ecke mehr, und das Viereck hat die Winkelsumme eines vollen Kreises, als einziges Vieleck überhaupt. Genau das zeigen die Kreise mit vier Segmenten.
  • Dasselbe drückt der Sechsstern aus: zwei Dreiecke mit je einem halben Kreis ergeben zusammen einen vollen. Das Hexagramm ist das einzige aus Vielecken zusammengesetzte Sternpolygon mit dieser Eigenschaft. Das zeigen die Kreise mit sechs Segmenten.

Der volle Kreis steht für Einheit und Vollkommenheit, also für Gott. Aber es geht hier nicht nur um Symbole, sondern um die Grundlagen der Zahlentheorie, die mit der Geometrie von Kreis und Kugel Hand in Hand geht, und vermutlich um die Blaupause für Energie, Raum, Zeit und Materie. Dieselben Überlegungen führen zu den Geheimnissen des Pentagramms, der dritten Startfigur. Man sollte sie nicht nur lesen, sondern selbst nachprüfen.

Alle drei Hefte sind heute als Digitalisate frei zugänglich, unter anderem auf Wikimedia Commons.