Die Kabbala – Tetraktys mal anders
Zehn Sephirot in vier Welten, zehn „Zahlen ohne etwas“ im Buch der Schöpfung und 231 Tore aus 22 Buchstaben, die einen 22-Eck-Simplex bilden.
Wer die Grundzüge der Kabbala kennt, kennt den Baum des Lebens mit seinen zehn Sephirot in vier Welten. In Zahlen: zehn Sephirot, verteilt auf vier Welten, wie die Tetraktys, 1 + 2 + 3 + 4 = 10. Der Baum zeigt, wie aus einer göttlichen Ursache zehn Prinzipien hervorgehen, sich ergießen und Gestalt annehmen.
Der Lebensbaum mit den zehn Sephirot. Die Farben ordnen sie den vier Welten zu, so wie sich die Tetraktys darin lesen lässt: 1 in Aziluth, 2 in Briah, 3 in Jezirah, 4 in Assiah.
Die Kabbala fragt, wie der Mensch mit Gott verbunden ist. Drei Grundschriften gehören zu ihr: das Sefer Jezira, das „Buch der Schöpfung“, das älteste, der Sohar, das „Buch des Glanzes“, und die Lehre von der Merkaba, dem göttlichen Thronwagen aus der Vision des Ezechiel. Viele spätere Bücher über Buchstaben- und Zahlenmystik, Magie oder christliche Kabbala widersprechen sich in wichtigen Punkten und sind mit Vorsicht zu lesen. Wer in diesem Dickicht festen Boden sucht, findet ihn in Zahl und Figur, denn sie lassen sich nachprüfen.
Zwei Seiten einer Medaille
Das Sefer Jezira und die pythagoreische Tetraktys sind zwei Seiten derselben Medaille: Beide beanspruchen, das Wesen der Schöpfung zu beschreiben. Schon Johannes Reuchlin verglich 1494 in De verbo mirifico (Vom wundertätigen Wort) den vierbuchstabigen Gottesnamen JHWH mit der Tetraktys. Tatsächlich wird das Tetragramm in manchen Darstellungen, etwa bei Papus, in einem Dreieck angeordnet, genau wie das Zehn-Punkte-Dreieck: J, JH, JHW, JHWH, zusammen zehn Buchstaben.
Zehn Zahlen ohne etwas
Das Sefer Jezira beschreibt die Schöpfung durch „zweiunddreißig verborgene Pfade der Weisheit“: zehn Zahlen „ohne etwas“ (die Sephirot) und 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets, eingeteilt in drei Mütter, sieben doppelte und zwölf einfache. Der Text betont die Zehn mit Nachdruck: zehn und nicht neun, zehn und nicht elf. Er vergleicht sie mit den zehn Fingern, fünf gegenüber fünf. Ihr Maß ist zehn, doch sie sind ohne Grenze. Ihr Ende ist mit ihrem Anfang verbunden wie die Flamme mit der Kohle. Und er fordert den Leser auf: Wisse, rechne und zeichne.
Das ist kein bloßer Zufall. Die Geometrie des Kreises als Schöpfungsgedanke, vom Geistigen ins Materielle, hat in den Geheimlehren eine alte Tradition. Simplexe und fraktale Vielecke, Kristallgitter und Kugelpackungen: Es ist die Geometrie der vollkommenen Symmetrie, von Kreis und Kugel. Diese Zusammenhänge haben in ihrer Ursprünglichkeit, so die These, auch der Kabbala Pate gestanden. Das Raumgitter der dichtesten Kugelpackung steht vermutlich auch hinter dem Schöpfungsbericht des Sefer Jezira (siehe Die lückenlose Raumfüllung): Dort wird erst ein Tetraeder, dann ein Oktaeder und schließlich ein Würfel sichtbar.
Der Golem und die 231 Tore
Neben dem Lebensbaum gibt es eine zweite kabbalistische Übung, die an den Schöpfungsgedanken anknüpft: die Erschaffung eines Golem, eines dienstbaren Wesens aus Lehm. Die Überlieferungen beschreiben ein streng geregeltes Ritual: Der Adept arbeitet mit mindestens zwei Gefährten, reinigt sich körperlich und geistig, trägt weiße Gewänder und arbeitet nachts, wenn die Dunkelheit an die Zeit vor der Schöpfung erinnert. Der Golem wird aus unberührter Erde und frischem Quellwasser geformt. Für die Belebung gibt es sehr widersprüchliche Anweisungen, mit Gottesnamen aus vier, zwölf, 24, 48 oder 72 Buchstaben. Die bekannteste Golem-Sage ist die vom Rabbi Löw in Prag.
Für die Belebung der einzelnen Glieder griffen die Adepten auf das Sefer Jezira zurück. Darin heißt es, die 22 Buchstaben seien eingraviert, gemeißelt, gewogen, vertauscht und verbunden worden. Weil das Hebräische keine Vokale schreibt, lässt sich der Vers auch als Befehl lesen: Graviere sie, meißle sie, vertausche sie! Das Sefer Jezira nennt das Chaos die Ursubstanz der Schöpfung. In dieses Chaos stellt es 231 Tore, „in einem Kreis wie eine Mauer“: alle möglichen Verbindungen zweier der 22 Buchstaben, ohne Wiederholung.
Das Ritual bestand darin, jeden Buchstaben zu visualisieren (gravieren), von anderen Gedanken zu trennen (meißeln) und mit allen anderen zu verbinden (vertauschen): zuerst Aleph mit allen Buchstaben, dann Beth mit allen und so fort, den ganzen Kreis hindurch, gesungen, schnell und ohne abzusetzen. Jeder Buchstabe gehört zu einem Körperteil, und Glied für Glied sollte so der Golem entstehen.
Das Diagramm zu dieser Übung ist nichts anderes als ein 22-Eck-Simplex:
Der 22-Eck-Simplex: 22 Punkte, jeder mit jedem verbunden. Das sind 231 Linien, die 231 Tore des Sefer Jezira, und 231 ist die Dreieckszahl T(21).
Eine augenzwinkernde Deutung: Der brave Adept wird so lange intonieren, gravieren und vertauschen, bis er innehält und nachdenkt. Ist er wachen Geistes, erkennt er, dass die Kombinatorik dieser Übung eine tiefe Wahrheit enthält. Er muss nur ernst nehmen, was das Sefer Jezira sagt: Wisse, rechne und zeichne! Dann kommt er zu den Einsichten, um die es hier geht: Zahlentheorie + Geometrie = Philosophie.
Ein überliefertes kabbalistisches Amulett verbindet Pentagramm, Hexagramm und Oktagramm, also Figuren, die in dieser Geometrie eine besondere Rolle spielen.