Pythagoras und der Bund der Pythagoreer
Mensch, Lehrer, Priester, Philosoph, Politiker, Naturforscher und Heiler – was sich über Pythagoras sagen lässt und was Legende ist.

Über kaum einen Denker der Antike wird so viel erzählt und so wenig sicher gewusst. Pythagoras hat nichts Schriftliches hinterlassen. Die ausführlichen Lebensbeschreibungen von Diogenes Laertius, Porphyrios und Iamblichos entstanden sieben bis acht Jahrhunderte nach seinem Tod. Sie mischen Überlieferung, Verehrung und Wundergeschichten.
Der Mensch
Pythagoras wurde um 570 vor Christus auf der Insel Samos geboren, als Sohn eines Gemmenschneiders oder Kaufmanns. Als Lehrer werden unter anderem Pherekydes von Syros sowie Thales und Anaximander von Milet genannt. Spätere Quellen lassen ihn lange Jahre in Ägypten und Babylon verbringen und dort Mathematik, Astronomie und priesterliche Weisheit lernen. Wie viel davon zutrifft, ist unklar. Plausibel ist, dass er Kenntnisse aus dem Orient mitbrachte. Der Satz vom rechtwinkligen Dreieck zum Beispiel war in Babylon schon über tausend Jahre früher bekannt.
Um 530 verließ er Samos, vermutlich wegen der Tyrannis des Polykrates, und ging nach Kroton in Süditalien. Dort gründete er seine Gemeinschaft. Er starb nach 510 vor Christus, wahrscheinlich in Metapont.
Die Lehre
Im Mittelpunkt stand der Gedanke, dass die Welt nach Zahl und Verhältnis geordnet ist. Die Harmonie der Töne, der Lauf der Gestirne und die Gestalt der Körper folgen denselben Zahlenverhältnissen. Dazu kam eine Lehre von der Seele: Sie ist unsterblich und wandert nach dem Tod in neue Körper, auch in Tiere. Das Leben dient ihrer Reinigung, durch Erkenntnis, Musik und eine strenge Lebensführung.
Die Pythagoreer unterschieden zwischen Akusmatikern, den „Hörern“, die Regeln und Sprüche befolgten, und Mathematikern, den „Lernenden“, die in die Gründe eingeweiht wurden. Diese Zweiteilung erklärt, warum vieles aus dem Kreis geheim blieb.
Der Priester
In der Überlieferung erscheint Pythagoras als heilige Gestalt: Man sagte ihm einen goldenen Schenkel nach, Wunderheilungen und die Gabe, an zwei Orten zugleich zu sein. Seine Anhänger nannten ihn nicht beim Namen, sondern sprachen von „jenem Mann“. Zur Lebensordnung gehörten Reinheitsgebote, weiße Kleidung, Schweigezeiten für Neulinge und eigentümliche Verbote, etwa das berühmte Verbot, Bohnen zu essen.
Der Philosoph
Das Wort Philosophie, „Liebe zur Weisheit“, soll auf Pythagoras zurückgehen. Er habe sich nicht als Weisen bezeichnet, sondern als jemanden, der die Weisheit liebt. Der Grundsatz „Alles ist Zahl“ wurde zum Ausgangspunkt einer Denklinie, die über Platon bis in die Neuzeit reicht.
Der Politiker
Der Bund war keine rein religiöse oder wissenschaftliche Vereinigung. In Kroton und anderen Städten Süditaliens gewannen Pythagoreer politischen Einfluss. Das rief Widerstand hervor: Gegen Ende des sechsten Jahrhunderts kam es zu einem Aufstand, bei dem das Versammlungshaus in Kroton in Brand gesteckt wurde. Pythagoras floh nach Metapont. Im fünften Jahrhundert wurden die Gemeinschaften erneut verfolgt und zerstreut.
Der Naturforscher
Mit dem Namen Pythagoras verbinden sich:
- die Entdeckung, dass Intervalle Zahlenverhältnissen entsprechen (Oktave 1 : 2, Quinte 2 : 3, Quarte 3 : 4),
- der Satz des Pythagoras und der Beweisgedanke,
- die Lehre von den figurierten Zahlen (Dreiecks-, Quadrat- und Rechteckzahlen),
- die Kenntnis regelmäßiger Körper und die Konstruktion des Pentagramms,
- die Vorstellung einer Sphärenharmonie, einer Musik der kreisenden Himmelskörper,
- und aus seinem Umkreis die Entdeckung der irrationalen Größen, die sich nicht als Verhältnis ganzer Zahlen schreiben lassen.
Was davon auf ihn selbst zurückgeht und was auf spätere Schüler, lässt sich nicht mehr trennen. Die Pythagoreer schrieben ihre Entdeckungen traditionell dem Meister zu.
Der Heilkundige
Musik galt den Pythagoreern als Heilmittel für Leib und Seele. Überliefert sind Melodien für den Abend, die zur Ruhe führen sollten, und für den Morgen, die wach machen sollten, außerdem Diätregeln und Gymnastik. Aus dem Umfeld der Pythagoreer kam Alkmaion von Kroton, einer der ersten griechischen Ärzte, der Gesundheit als Gleichgewicht der Kräfte im Körper verstand.
Der Bund der Pythagoreer
Der Bund nahm Männer und Frauen auf. Als bedeutende Pythagoreerin wird Theano genannt. Die Mitglieder teilten ihren Besitz, lebten nach gemeinsamen Regeln und erkannten einander am Pentagramm. Nach der Verfolgung lebte die Lehre in kleineren Kreisen fort: bei Philolaos, bei Archytas von Tarent, bei Platon, der die pythagoreischen Gedanken in den Timaios aufnahm, und später bei den Neupythagoreern der römischen Zeit.